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Gelöschtes Mitglied 6221
18 Juni 2025, 17:30
Zitat von: Stolzel Deutschikopf
Um Himmels Willen....
Ja, war einfach eine unheimlich schöne Zeit. Man muss das kurz erklären: wir waren im Prinzip die Unternehmenskauf-Einheit des Konzerns. Hohe Aufmerksamkeit vom Vorstand, alle hochbezahlte junge High Potentials. Die jüngeren Ränge alle unter 30, alle mit FK-Privilegien ausgestattet (das brachte signifikante Vorteile jeglicher Art und natürlich ein hohes Gehalt trotz wenig Berufserfahrung). 5 Jahre später ist fast jeder von uns GF eines Unternehmens der Gruppe oder anderswo. Und für den Konzern war das halt die Chance junge gute Leute ins Unternehmen zu holen. War die Kaderschmiede.
Wir haben die Zeit unseres Lebens gehabt. Wussten wir auch. Ein damaliger Kollege hat es treffend formuliert: es ist wie die Abi-Zeit, anstrengend von der Arbeitsbelastung, aber man ist ständig mit seinen Freunden zusammen und jeden dritten abend besoffen - mit dem entscheidenden Unterschied: mit Geld.
Wir haben arschgeile Dinge erlebt. In einem Jahr haben wir im August unsere Ziele erreicht und waren 3 Tage zum saufen in Lissabon. Wir haben einmal im Quartal ein exklusives Event auf einer Hoteldachterasse für unsere wichtigsten Partner gemacht und unser einziges Briefing war: "seht zu dass alle besoffen sind und euch einfach geil finden".
Der ganze Konzern hat uns gehasst wie die Pest, weil wir alles bekommen haben was wir wollten.
War auch anstrengend. Einmal in der woche hatten wir einen Termin beim Vorstand, der unsere Fortschritte in den Verhandlungen kontrollieren und freigeben musste. Und der CEO der Gruppe, der der heimliche Sponsor unserer Unit war, war knueppelhart. Der Termin beim Vorstand war eine mündliche Prüfung, haben wir auch genauso wahrgenommen. Und wir waren halt die "kleinen", die man noch Formen und schleifen musste.
Ich erinnere mich an ein solches Meeting. Ich und mein Team haben 3 Monate an einem riesigen Deal gearbeitet und den Fortschritt präsentiert. Der Vertriebsvorstand hat in dem Meeting alles zunichtegemacht und all meine Fortschritte zerstört. Nach dem Termin kommt der Chef unserer Unit zu mir und meint: du und die anderen aus deinem Team (4 Personen), ich hab heut Abend ein Dinner in Berlin, kommt mal mit, heut Abend müssen wir saufen um da ne Lösung zu finden. Jetzt kommen die FK-Privilegien ins Spiel. Wir hatten eine Telefonnummer, da konnte ich am Mittwoch um 15:00 Uhr anrufen und sagen dass ich für in 2h einen Flug nach Berlin und Hotel für 1 Nacht brauche, bitte im Soho House. Dann haben die alles vorbereitet, inklusive einchecken und haben sogar ein Taxi bestellt das uns abgeholt hat vom Flughafen. Das war einfach wundervoll. Und an dem Abend waren wir mit dem Partner, GF eines Onlineunternehmens das jeder kennt, bei einem geilen Italiener und haben gefressen. Und dann bis spät in die Nacht im Hotel gesoffen. Es war einfach herrlich. Und am nächsten Tag waren wir wieder aufgebaut.
Ich hab erst viele Jahre später kapiert was für eine unfassbar gute Ausbildung ich da bekommen habe. Der Vorstand hat seine Beschränkung letztlich fallen lassen. Der hat dazwischengehauen weil er wollte dass wir was lernen. Es sollte nicht zu smooth laufen, wir sollten halt lernen mit so willkürlichen Roadblockern klarzukommen und Lösungen zu finden.
Ja und dann wurde ich 30 und bin gegangen, wurde GF von einem kleineren Unternehmen. Da hab ich dann erlebt wie der Wind in der Realität weht und wie beschissen es im Grunde genommen ist auf der anderen Seite zu stehen. Der einzige vorteil ist halt dass man viel mehr geld verdient. Aber geil ist es nicht mehr. Es ist eher so dass ich jetzt dafür sorgen muss dass junge Talente das erleben was ich erlebt hab und das ist mordsanstrengend.